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Ein Panikraum aus Büchern

Lieben Sie Ambivalenzen? Auf Identität mit sich selbst eingeschworen, sind allzu viele schon zu Lebzeiten totenstarr. Ein Panikraum ist ein Raum, in dem Sie Schutz suchen, aber dass Sie ihn hier auch finden, ist damit keineswegs gesagt. Vielleicht brechen Sie überhaupt erst im Panikraum in Panik aus, während der Angreifer daran scheitert, in Ihren Schutzraum einzubrechen. Wer weiß das schon im Voraus? Probieren Sie es einfach mal aus. Hier finden Sie Hinweise und Hintergrundinformationen zu meinen Romanen, Sachbüchern und wissenschaftlichen Werken. Keine Panik, bitte. Schauen Sie sich in Ruhe um.

Mein neuer True-Crime-Thriller "Drosselbrut" ist eine freie Adaption des "Jahrhundertfalls" Dutroux, die ich ins Berlin der Gegenwart verlegt habe und die tatsächlich auch Verbindungen zur deutschen Hauptstadt in den Wirren der Nachwendezeit aufweist.  

 

Wer sich an den „Fall Dutroux“ oder an Schlagzeilen dazu erinnert, denkt wahrscheinlich als erstes an den „Kinderschänder“ oder das „pädophile Monster“ Marc Dutroux. Der gelernte Elektriker, geboren 1956, wurde im August 1996 verhaftet, nachdem er zusammen mit einem Komplizen in einem belgischen Dorf am helllichten Tag ein 14-jähriges Mädchen gekidnappt hatte. Zeugen konnten sein auffälliges Wohnmobil beschreiben und hatten sich Teile des Kfz-Kennzeichens gemerkt. In der Folge konnten die 14-jährige Laetitia und die 12-jährige Sabine lebend aus einem Verlies im Keller seines Wohnhauses in der heruntergekommenen Industriestadt Charleroi befreit werden. Auf weiteren Grundstücken von Dutroux fand die Polizei außerdem die Leichen von vier Mädchen – zwischen acht und 19 Jahren –, die dort in der Erde vergraben waren; und die Überreste eines Mannes, der als Bernard Weinstein identifiziert wurde, ein Komplize von Dutroux.

 

Auftrags-Kidnapper oder „pädophiler Einzeltäter“?

 

Marc Dutroux behauptete von Anfang an, dass er die Mädchen im Auftrag eines „Netzwerks von Schwerverbrechern“ entführt bzw. gefangen halten habe. Er erklärte zudem, dass diesem Netzwerk einflussreiche Personen aus den höchsten gesellschaftlichen Kreisen und sogar aus dem belgischen Königshaus angehörten. Namen dürfe er nicht nennen, sonst würde er die nächste Nacht im Gefängnis nicht überleben. Die Mädchen seien jedenfalls für Foltersex-Veranstaltungen bestimmt gewesen, bei denen Missbrauch und Tötung der Opfer zum Programm gehörten.

 

Einen Namen zumindest nannte Dutroux: Sein Mittelsmann sei stets Jean-Michel Nihoul gewesen, ein zwielichtiger Nachtclubbesitzer, der bekanntermaßen in einflussreichen Kreisen Belgiens gut vernetzt war. Nihoul habe die Mädchen bei ihm bestellt, und er habe geliefert bzw. die Ware bereitgehalten, bis die Herren im Netzwerk sich auf einen Termin geeinigt hätten.

 

Die Ermittler überprüften diese bizarren Behauptungen – und stellten schnell fest, dass sie keineswegs frei aus der Luft gegriffen schienen. Auffällig war beispielsweise, dass immer kurz nach der Entführung eines Mädchens ein sechsstelligen Betrag auf einem Konto  von Dutroux einging. Der Absender war jeweils jener Monsieur Nihoul, der laut Dutroux der Mittelsmann zwischen ihm und dem Netzwerk war.

 

Offiziell war Dutroux ein arbeitsloser Elektriker, aber er besaß diverse Immobilien und ein beträchtliches Geldvermögen. Außerdem unternahm er kostspielige Fernreisen: All das passte zu seiner Behauptung, dass er ein gut bezahlter Kidnapper im Auftrag des Netzwerks war. Gegenüber einem Bekannten hatte er beispielsweise getönt, wenn er Geld brauche, müsse er nur ein Mädchen einfangen und bekomme sofort 150 000 Francs dafür.

 

Damit nicht genug: Bei der Polizei meldete sich auch eine ganze Reihe junger Frauen, die angaben, bei genau solchen Foltersex-Veranstaltungen missbraucht worden zu sein. Eine von ihnen wurde psychiatrisch und psychologisch untersucht und für vollkommen glaubwürdig befunden. Sie konnte sowohl Dutroux als auch Nihoul identifizieren.

 

Die Kriminalpolizei und der federführende Staatsanwalt ermittelten fieberhaft und trugen große Mengen an belastendem Material zusammen. Doch dann, von einem Tag auf den anderen, waren die Ermittlungen gegen das mutmaßliche Netzwerk zu Ende. Der Staatsanwalt und einer der engagiertesten Ermittler begingen unter dubiosen Umständen angeblich Selbstmord. Ein unerfahrener junger Staatsanwalt und ein neues Ermittlerteam wurden eingesetzt, die eine ganz neue Anklageschrift vorbereiten sollten. Vom Netzwerk war keine Rede mehr; Dutroux sei ein „pädophiler Einzeltäter“ gewesen, lautete die Anklage nun, der zur „Befriedigung seines Geschlechtstriebs“ auf eigene Faust die Mädchen gekidnappt habe.

 

Belgien am Rand eines Bürgerkriegs

 

Die „Affäre Dutroux“ brachte Belgien an den Rand einer Staatskrise, wenn nicht eines Bürgerkriegs. Mitte der Neunzigerjahre gab es Dutzende ungeklärter Vermisstenfälle, wobei die Betroffenen meist minderjährig waren. Im Oktober 1996 organisierten die Eltern von vermissten Kindern und Jugendlichen den sog. „Weißen Marsch“ nach Brüssel, an dem 300 000 Menschen teilnahmen – eine gewaltige Anzahl für ein so kleines Land. Die Initiatoren bekundeten öffentlich ihren Verdacht, dass hinter den Ungereimtheiten bei den Ermittlungen ein System stecke – die Absicht, den Hintergrund der Angelegenheit systematisch zu vernebeln.

 

Die Prozessvorbereitungen schleppten sich unglaubliche acht Jahre lang hin. In dieser Zeit kamen nicht weniger als 27 Zeugen, die sich zu Hintermännern äußern wollten, unter durchweg dubiosen Umständen ums Leben. Andere schützten Erinnerungslücken vor oder konnten sich tatsächlich nicht mehr richtig erinnern, nachdem eine so lange Zeit verstrichen war.

 

Erst im Frühjahr 2004 wurde der Prozess gegen Dutroux, seine – mittlerweile von ihm geschiedene – Frau Michelle Martin und zwei Komplizen von ihm eröffnet. Dutroux selbst bekam lebenslänglich, Michelle Martin wurde zu 30 Jahren verurteilt, weil sie zwei der Mädchen hatte verhungern lassen. Der mutmaßliche Mittelsmann Nihoul wurde in einem separaten Verfahren lediglich zu fünf Jahren Haft verurteilt, von denen er nur zwei absitzen musste; die regelmäßigen Geldzahlungen an Dutroux erklärte er damit, dass er Dutroux mit Drogen beliefert habe.

 

Wie der arbeitslose Dutroux ein Vermögen an Geld und Immobilien anhäufen konnte, wurde im Prozess nicht erörtert. Genauso wenig wie die Frage, warum er als angeblich pädophiler Sextäter auch mehrfach nach Tschechien und in die Slowakei gefahren war, um junge Frauen vom Straßenstrich zu kidnappen, zu vergewaltigen und nach Belgien zu verschleppen.

 

Oder die Frage, was er im Juli 1993 in Berlin zu suchen hatte, kurz bevor dort der damals zwölfjährige Manuel Schadwald spurlos verschwand. Oder was Dutroux wenig später in einer polizeibekannten Bar in Rotterdam zu tun hatte, wo Zeugen ihn zusammen mit dem entführten Manuel Schadwald gesehen haben wollen. Oder die Frage, weshalb Dutroux nicht gleich zu Anfang der Kidnappingwelle von der belgischen Polizei überprüft worden war. Dabei hätte er einer der Hauptverdächtigen sein müssen, nachdem er bereits in den Achtzigerjahren wegen Entführung und Vergewaltigung verurteilt worden war.

 

Dutroux selbst hatte sich immer gerühmt, dass er bei der Polizei von Charleroi „eiserne Protektion“ genieße. Anders lässt sich auch kaum erklären, dass sein Haus auf dem Höhepunkt der Vermisstenwelle zwar einmal von einem Polizisten überprüft wurde. Aber dieser Beamte interessierte sich nicht für die offenbar neu eingezogene Mauer im Keller des Hauses von Dutroux, und er wurde nicht einmal hellhörig, als im Keller Schreie von Kindern ertönten. Man kann nur vermuten, dass er die Anweisung hatte, nichts zu hören und zu sehen. 

 

Dutroux sitzt bis heute hinter Gittern. Die lebenslange Haftstrafe ist zweifellos verdient, trotzdem ist er wohl nur der Sündenbock, mit dessen Präsentation die Hintermänner erfolgreich von sich selbst und ihrer tragenden Rolle abgelenkt haben.

 

In einer repräsentativen Umfrage erklärten noch vor kurzem achtzig Prozent der befragten Belgier, ihrer Ansicht nach seien bei der Affäre Dutroux die tatsächlichen Hintergründe vertuscht worden.

 

Mein Dank gilt den Opfer-Angehörigen Jean Lambrecks und Els Schreurs sowie dem Investigativreporter Dirk Banse, die mich bei meinen Recherchen engagiert und großzügig mit Informationen unterstützt haben.

Hier noch ein paar Infotipps:

- ZDF-Doku "Dutroux und die toten Zeugen - Handlanger der Elite"

- WELT-Artikel v. Dirk Banse u.a.: "Wurde Manuel Schadwald von möglichem Dutroux-Netzwerk verschleppt? Auf den Spuren der verlorenen Kinder"

- Buchveröffentlichung v. Jean Lambrecks u.a. (auf Flämisch): Eefje. Mijn zoektocht naar de waarhejd. Antwerpen 2018

 

02 Apr 2019 0 Kommentar
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