Socials
blockHeaderEditIcon
slider-ag
blockHeaderEditIcon
Slogan
blockHeaderEditIcon

Ein Panikraum aus Büchern

Lieben Sie Ambivalenzen? Auf Identität mit sich selbst eingeschworen, sind allzu viele schon zu Lebzeiten totenstarr. Ein Panikraum ist ein Raum, in dem Sie Schutz suchen, aber dass Sie ihn hier auch finden, ist damit keineswegs gesagt. Vielleicht brechen Sie überhaupt erst im Panikraum in Panik aus, während der Angreifer daran scheitert, in Ihren Schutzraum einzubrechen. Wer weiß das schon im Voraus? Probieren Sie es einfach mal aus. Hier finden Sie Hinweise und Hintergrundinformationen zu meinen Romanen, Sachbüchern und wissenschaftlichen Werken. Keine Panik, bitte. Schauen Sie sich in Ruhe um.

 

Die Antwort scheint sich schlicht aus der Übersetzung des Zungenbrechers zu ergeben: True Crime Thriller sind Spannungsromane, in denen es um wahre Verbrechen geht. Aber ganz so simpel ist die Sache nicht.

 

Als Autor (u.a. Wolfswut, Drosselbrut), als Ko-Autor (Zerschunden, Zersetzt, Zerbrochen), als Ghostwriter (z.B. True-Crime-Storys eines bekannten Profilers) und unter Pseudonym (Tatsachen-Thriller eines Mega-Attentats, das Deutschland an den Rand des Ausnahmezustands brachte) habe ich mindestens einem dreckigen Dutzend höchst unterschiedlicher True Crime-, Doku- und Tatsachen-Thriller ans Licht der erfreuten Öffentlichkeit verholfen. Bei so viel praktischer Übung konnte es nicht ausbleiben, dass ich mir als gelernter Literaturwissenschaftler auch ein paar theoretische Gedanken über das Genre, seine Facetten und Abirrungen gemacht habe.

Der Goldstandard des Genres

Genrebildend war Truman Capotes epochaler Tatsachen-Kriminalroman In Cold Blood (Kaltblütig) aus dem Jahr 1965, der auf Deutsch ursprünglich mit dem Untertitel Wahrheitsgemäßer Bericht über einen mehrfachen Mord und seine Folgen erschien. Minutiös rekonstruiert Capote Vorgeschichte und Tatverlauf, Schauplatz und Opfer der Morde, Hintergrund, Persönlichkeit und Motive der beiden Täter, die langwierigen Ermittlungen und schließlich die Ergreifung und Verurteilung der Mörder nach jahrelanger Flucht.

 

Dank journalistischer Detailgenauigkeit und schriftstellerischem Ausnahmetalent setzt der Autor mit seinem mehrfach verfilmten Welterfolg Qualitätsmaßstäbe im Bereich des Doku-Thrillers“, die von den unzähligen Nachahmern meist nicht annähernd erreicht werden. In der Regel hapert es nicht nur bei der literarischen Potenz und dem analytischen Blick auf gesellschaftliche und psychologische Gegebenheiten; auch hinsichtlich Rechercheaufwand und -erträgen können die Urheber von „True Crime Thrillern“ Altmeister Capote kaum jemals das Wasser reichen.

 

Der Pionier des „New Journalism“ scheute keine Mühe, um sich ein eigenes Bild von Schauplätzen und Akteuren zu erarbeiten, Akten, Protokolle und Gutachten durchzupflügen, beteiligte Personen zu interviewen, ihre Sichtweisen kritisch zu hinterfragen und möglichst originalgetreu wiederzugeben. Der perfekte „True Crime Thriller“ à la Capote, quasi der Goldstandard des Genres, ist eine so komplexe wie dramaturgisch raffinierte Collage aus exakt zugeschnittenem empirischem Material, die nur soweit irgend nötig durch fiktionale Bausteine oder subjektive Kommentare des Autors ergänzt wird.

Menschenfressende Forensiker

Als genreprägender Klassiker der True-Crime-Spannungsliteratur werden auch die Hannibal-Lecter-Romane von Thomas Harris gerne angeführt, insbesondere The Silence of the Lambs (Das Schweigen der Lämmer) von 1981. Hier sind Personen und Handlung allerdings weitestgehend frei erfunden, auch wenn Harris seinen fiktiven Serienmörder James Gumb teilweise an den realen Serienkiller Ed Grein angelehnt hat. Der so intelligente wie gebildete Menschenfresser Hannibal Lecter dagegen ist eine zwar aufregende, aber extrem unrealistische Figur, deren ausgeklügelte Persönlichkeitsstruktur und -störung allen psychiatrischen Erkenntnissen Hohn spricht. Ungeachtet der ironischen Volte, dass Lecter selbst laut Fiktion ein „forensischer Psychiater“ mit Doktortitel sein soll, erinnert er passagenweise eher an Graf Dracula.

 

Trotz ihrer partiellen True-Crime-Basis haben die enorm erfolgreichen Lecter-Romane – und mehr noch die diversen Verfilmungen – seit den 1980ern eine Schwemme von Serienmörder-Fiktionen hervorgerufen, die sich in der Unwahrscheinlichkeit und Wirklichkeitsferne von Personen und Tatabläufen verblüffend – und letztlich ermüdend – ähneln. Auch wenn Autoren Anleihen bei realen Kriminalfällen und Ermittlungsmethoden nehmen, unterscheiden sich Thriller dieser Machart von Capotes wahrheitsgemäßem Bericht nicht nur durch ihren meist übersichtlichen True-Crime-Gehalt, sondern ebenso durch die vorherrschende Stereotypie von Handlung, Personenzeichnung und erzählter oder impliziter Weltsicht. Der „irre“, „kranke“, „böse“ Serienkiller mit möglichst gruselig-abartigen Vorlieben treibt sein mörderisches Spiel mit einer Welt weithin normaler, gesunder und grundguter Mitmenschen; kaum anders als der böse Wolf in der Fabel, der die arglose Schafherde terrorisiert und die braven Hütehunde ein ums andere Mal foppt – bis die tollwütige Bestie zur Strecke gebracht und alles wieder in bester Ordnung ist. Ach, wirklich?

Experten-Thriller

Ein aktuell verbreiteter Subtypus des Genres (ich bekenne mich ko-schuldig) sind True-Crime-Thriller, als deren Autoren kriminalistische, forensische oder juristische Fachkräfte firmieren. Bei diesen Experten-Thrillern ist der realitätsnahe Input in Form von Polizeiakten, forensischen Gutachten, Verteidigungs- und Anklageschriften oder Gerichtsurteilen deutlich höher als bei Tom Harris‘ Epigonen, allerdings auch sehr viel ungleichgewichtiger verteilt als bei einem umfassend recherchierten Tatsachenroman à la Truman Capote.

 

Im Experten-Thriller werden die Geschehnisse – überwiegend oder ausschließlich – aus der Perspektive eines Kriminalkommissars, Rechtsanwalts, Gerichtsmediziners, Profilers, Psychiaters etc. dargestellt, je nachdem, welcher Fakultät der nominelle Buchautor angehört. Das führt zu spezifischen Verzerrungen: Was ins Fachgebiet des jeweiligen Experten schlägt, wird detailfroh ausgepinselt und ausgeleuchtet; fachfremde Aspekte dagegen bleiben im Ungefähren oder werden durch Genre-typische Module abgedeckt. Das Ergebnis sind nicht selten Hybride aus detailgesättigten Gutachtenauszügen in authentisch ungelenkem Beamtenjargon, hausbackenen Kommentaren zur gesellschaftlichen Lage und mehr oder minder geschickt adaptierten Thrillerklischees. Erfahrene Ghostwriter oder Ko-Autoren können die systemischen Mängel des Subgenres durch narrative Kunstgriffe zumindest teilweise wettmachen, so dass bei den meisten Lesern die Freude am „Authentischen“ überwiegt. So bleibt der typische Experten-Thriller im besten Fall zwar deutlich hinter den Möglichkeiten des Tatsachen-Kriminalromans zurück, kaschiert seine Defizite aber durch Anleihen bei Thrillern à la Hannibal Lecter – also letztlich durch Kannibalisierung des Genres.

Mobster statt Bekloppten: Wie True Crime wirklich ist

Gleichrangig neben dem umfassend recherchierten und perfekt collagierten Tatsachen-Kriminalroman im Stil von Kaltblütig gehört für mich ein weiteres True-Crime-Format zum Fundament des Genres: Insider-Erzählungen aus der Welt der Organisierten Kriminalität.

 

Der Klassiker ist hier nicht etwa Mario Puzos Mafia-Saga Der Pate, in dem Personen und Handlung frei erfunden sind, sondern Wiseguy, erschienen 1986 (auf Deutsch Der Mob von innen: ein Mafioso packt aus, 1989). Die von Nicholas Pileggi er- und bearbeitete Lebensbeichte des Mafia-Gangsters Henry Hill gewährt verblüffende Einblicke in Denk- und Lebensweise, Rituale und Business eines realen New Yorker Mafia-Clans und der ebenso realen Korruption bei Polizei, Justiz und sonstigen Behörden. Das so spannende wie faktenreiche und atmosphärisch dichte (wenn auch literarisch anspruchslose) Buch war die perfekte Vorlage für Martin Scorseses vielfach preisgekrönten Film Good Fellas – drei Jahrzehnte in der Mafia.

 

Thriller à la Hannibal Lecter sind realitätsferne Konstrukte, da hyperintelligente und gebildete psychopathische Einzeltäter, die mit Ermittlern und Opfern Katz und Maus spielen, in der Praxis so gut wie keine Rolle spielen. Auf der anderen Seite ist aber auch der klassische Roman policier, mag seine Handlung erfunden oder authentisch sein, im Kern realitätsfern – und zwar schlicht deshalb, weil ein Großteil der wahren Schwer- und Kapitalverbrechen den Strafverfolgungsbehörden nie zur Kenntnis gelangt, geschweige denn aufgeklärt wird.

 

Wenn der Normalbürger in der Etagenwohnung oder im Einfamilienhaus im Affekt seine Gattin erschlägt, hat er so gut wie keine Chance, die Spuren seines Verbrechens zu verwischen. Doch bei den Tausenden von Opfern, die allein in Mitteleuropa von Menschenhändlerkartellen alljährlich versklavt, verschachert, verschoben und entsorgt werden, sind in aller Regel nicht die kriminellen Organisationen, sondern die Ermittler chancen-, weil ahnungslos.

 

Tatsachenbasierte Erzählungen dieses Typus sind aus meiner Sicht die wahren True Crime Thriller, da sie die dunkle – und schon rein zahlenmäßig sehr viel relevantere – Seite unserer Wirklichkeit beleuchten. Die Verächter herkömmlicher Krimis heben mit einigem Recht hervor, dass die Anzahl der fiktiven Leichen in einem grotesken Missverhältnis zur stetig sinkenden Zahl der amtlich gezählten Mord- und Totschlagsopfer stehe. Mit gleichem Recht müsste man allerdings ergänzen, dass das Dunkelfeld der von keiner Mordkommission jemals untersuchten Gewaltverbrechen in der Parallelwelt der Organisierten Kriminalität genauso stetig wächst, jedoch im Krimi- und Thriller-Genre allenfalls eine marginale Rolle spielt; das Missverhältnis ist hier noch sehr viel grotesker.

 

Die Gründe liegen auf der Hand: Doku-Romane mit Ein-Mobster-packt-aus-Thematik bieten keine der liebgewonnenen Identifikationsmöglichkeiten. Die staatlichen Behörden glänzen durch Abwesenheit und korrupte Verstrickung, wodurch das Sicherheitsgefühl der Leser nicht zwingend erhöht wird. Und der „böse“, „irre“, „kranke“, „überforderte“, in jedem Fall aber auf eigene Faust handelnde „Einzeltäter“ ist im wahren True Crime Thriller nichts anderes als Fake News zur Täuschung und „Beruhigung“ der Öffentlichkeit.

 

Wenn man sich behördlicherseits nicht die Mühe macht, die Vernetzung hinter den Kulissen aufzuklären (oder im Einzelfall dafür bezahlt wird, nicht zu genau hinzuschauen), kann man schon mal einen Profikiller für einen „psychopathischen Einzeltäter“ oder einen Auftrags-Kidnapper für einen „pädophilen Sextäter“ halten. Befasst man sich dagegen etwas näher mit der Parallelwelt des Organisierten Verbrechens, so kommt man kaum um die Feststellung herum, dass die wahre Ursache gerade spektakulärer Gewaltverbrechen oftmals sehr viel eher in der kriminellen Maschinerie hinter den Kulissen zu findet ist als in den psychischen Abgründen des ertappten Täters. Bei diesem wird sich zwar leicht eine Persönlichkeitsstörung finden lassen; der Schlüssel zu dem konkreten Entführungs- oder Tötungsdelikt ist aber kein in der Kindheit erlittenes Trauma, sondern ein ihm erteilter Kidnapping- oder Mordbefehl.

Die Hallstein-Trilogie: Thriller-Dichtung und True-Crime-Wahrheit

In Wolfswut, dem ersten Band meiner True-Crime-Thriller-Trilogie, geht es um genau diese Frage: Handelt es sich bei dem erfolgreichen Kleinunternehmer, Familienvater und Jazzmusiker Alex Soltau, in dessen Schuppen posthum fünf Fässer mit Frauenleichenteilen entdeckt wurden, um einen „psychopathischen Einzeltäter“ – oder führte er ein Doppelleben als professioneller Kidnapper und Killer, der im Auftrag eines schwerkriminellen Kartells junge Frauen einfing und die Leichen der Opfer entsorgte? Dass es sich bei einem Mann, der ausgeweidete Organe seiner zu Tode gefolterten Opfer in Formaldehyd konserviert, um eine zutiefst gestörte Persönlichkeit handelt, steht außer Frage. Aber ist die psychische Abnormität tatsächlich der Schlüssel zu seinen Taten – oder eher eine Charakterprägung, die ihn für seinen düsteren Job qualifiziert?

 

Wolfswut ist eine freie Adaption des epochalen Serienmörderfalls Manfred Seel, der 2016 bundesweit Schlagzeilen machte. Der allseits beliebte Klarinettist und Landschaftsgärtner wird mit mindestens zehn Morden in Verbindung gebracht, begangen ab Anfang der 1970er-Jahre, größtenteils im Großraum Frankfurt am Main. Die Opfer waren meist drogenabhängige Straßenprostituierte, aber auch zwei Altenpflegerinnen und mutmaßlich auch mindestens ein männlicher Teenager. Die Taten wurden durchweg mit ungewöhnlicher Grausamkeit ausgeführt; der bzw. die Täter folterten und verstümmelten die Opfer, entnahmen Organe und amputierten Gliedmaßen. Aufgrund des Verletzungsbildes gehen die Ermittler in mindestens einem Fall von einem Mittäter aus.

 

Umstände, Einzelheiten und Umfang der Mordserie sind bis heute nicht annähernd aufgeklärt worden. Der Mittäter wurde nie identifiziert, und nach wie vor steht die Frage im Raum: Wie konnten der oder die Täter über mehrere Jahrzehnte eine so große Zahl von Morden begehen, ohne jemals Verdacht zu erregen? Ein auf eigene Faust handelnder „Einzeltäter“ mit massiver Persönlichkeitsstörung hätte unmöglich in einer so großen Zahl von Fällen seine Spuren immer wieder perfekt verwischen können – es sei denn, er handelte im Auftrag krimineller Strukturen, deren Einfluss sich bis in die Strafverfolgungsbehörden erstreckt(e). Diese Hypothese stellt Kriminalhauptkommissarin Hallstein vom Berliner LKA in Wolfswut auf – und stellt, trotz gegenteiliger Weisungen, hartnäckige Nachforschungen an, die sie schließlich auf die Spur eines mutmaßlichen Kartells von Menschenhändlern führen.

 

In Drosselbrut, dem zweiten Band der Trilogie, bekommen es KHK Hallstein und ihr Team mit einer mysteriösen Social-Media-Kampagne zu tun, die zum spurlosen Verschwinden zahlreicher junger Frauen im Großraum Berlin führt. Allem Anschein nach steckt dieselbe schwerkriminelle Organisation dahinter, in deren Auftrag mutmaßlich auch der „Fass-Mörder“ in Wolfswut tätig war. Nach Hallsteins Überzeugung handelt es sich um ein global agierendes kriminelles Kartell, das seine Opfer in großem Stil und auf unterschiedlichste Weise einfängt, teils um die menschliche Beute als Sexsklaven zu verschachern, teils für eigene perverse Orgien in exotischer Kulisse, bei denen unvorstellbare Grausamkeiten verübt werden.

 

Drosselbrut ist eine freie Adaption des „Jahrhundertfalls“ Dutroux, der in den Neunzigerjahren Belgien und die Niederlande erschütterte und an den Rand eines Bürgerkriegs brachte. Marc Dutroux und seine Kumpanen entführten in den Neunzigerjahren eine hohe, bis heute nicht genau bekannte Zahl von Kindern, Teenagern und jungen Frauen in West-, Mittel- und Osteuropa.

 

Nach seiner Verhaftung 1996 erklärte Dutroux, im Auftrag eines Netzwerks gehandelt zu haben; Namen seiner „Bosse“ könne er nicht nennen, sonst werde er die nächste Nacht im Gefängnis nicht überleben. Die belgischen Justizbehörden ermittelten zunächst gegen ein mutmaßliches kriminelles Kartell; jedoch wurden die Ermittlungen jahrelang verschleppt und schließlich eingestellt. Stattdessen klagte eine neu eingesetzte Staatsanwältin Marc Dutroux als angeblichen „Einzeltäter“ an. Aus dem Auftrags-Kidnapper und -Killer wurde quasi über Nacht ein „pädophiler Psychopath“, der auf eigene Faust gehandelt habe, um seine perversen Gelüste zu befriedigen.

 

Der Prozess wurde erst acht Jahre nach der Verhaftung von Dutroux eröffnet; in der Zwischenzeit hatten nicht weniger als 27 dubiose Todesfälle – zweifelhafte Suizide und tödliche Autounfälle – die Zahl der Ankläger und Zeugen dezimiert (siehe die ZDF-Doku Dutroux und die toten Zeugen). Am Ende wurde Dutroux zu lebenslanger Haft verurteilt; einige Helfershelfer kamen mit Zeitstrafen davon; von den „Bossen“, auf deren Befehl er nach eigenen Angaben gehandelt hatte, war keine Rede mehr.

 

Zu den Jagdgründen von Marc Dutroux & Co. gehörte auch das chaotische Nachwende-Berlin, das den Menschenfängern ähnlich gute Rahmenbedingungen bot wie der damalige „failed state“ Belgien mit seinen dysfunktionalen Polizeistrukturen und der ethnischen Spaltung des Landes – für mich ein Grund mehr, den Schauplatz meiner Trilogie nach Berlin zu verlegen. Durch diese dem klassischen Drama entsprechende „Einheit des Ortes“ wird nach und nach deutlich, dass hinter den Kulissen eine so mächtige wie diskrete Organisation agiert, in deren Auftrag die Gewaltverbrechen in Wolfswut und auch in Drosselbrut mutmaßlich verübt werden.

 

Im dritten Band der Trilogie, der im Frühjahr 2020 erscheinen soll, werde ich einen weiteren europäischen Jahrhundertfall so adaptieren, dass er gleichfalls (auch) in Berlin spielt und wiederum mit den in Wolfswut und Drosselbrut behandelten Fällen verschränkt ist – oder vielleicht auch nur verbunden scheint, denn Hauptkommissarin Kira Hallstein steht ihrerseits unter Verdacht, sich in die „Wahnidee“ einer allgegenwärtigen kriminellen „Bruderschaft“ verrannt zu haben und psychisch selbst nicht ganz auf der Höhe zu sein ...

 

Der Idee und Konzeption nach ist die Hallstein-Trilogie also sowohl dem Tatsachen-Kriminalroman in der ehrwürdigen Tradition von In Cold Blood als auch der Erzählung aus dem Innern krimineller Kartelle im Sinn von Wiseguy verpflichtet. Jedem meiner True Crime Thriller liegen aufwendige Vor-Ort-Recherchen, Studium von Gutachten und Fachpublikationen, Gesprächen mit Experten, nach Möglichkeit Interviews mit Zeugen oder Tatbeteiligten zugrunde. Dabei geht es mir aber nicht so sehr darum, die Details etwa einer Täterpsyche und -motivation bis in die individuellsten Verzweigungen nachzuzeichnen, als vielmehr um die Strukturen und Prozesse, innerhalb derer Täter und Opfer agieren wie Spinnen und Fliegen in einem planvoll geknüpften Netz.

 

So fließen etwa, wenn ich Gedanken und Gefühle eines Folterers und Mörders wie Alex Soltau in Wolfswut schildere, auch Erkenntnisse ein, die ich durch ausführliche Gespräche mit realen Mördern gewonnen habe. Einer von ihnen, den ich wegen eines geplanten Buchs mehrfach in der Haftanstalt besuchte, verdeutlichte mir in einer schockierenden – sicher ungewollten – Offenbarung, in welch orgiastische Ekstase ihn das „Niedermähen“ von Menschen mit Schusswaffe und Machete versetze.

 

Auch die dritte Säule heutiger True Crime Thriller – der „psychopathische Serienkiller“ à la Hannibal Lecter – kommt in meiner Trilogie zu Ehren, allerdings in kritischem Gegenlicht: Das Stereotyp des „verrückten Killers“, der auf eigene Rechnung mordet, erfreut sich nicht nur bei den Boulevardmedien großer Beliebtheit, sondern wird in Wolfswut und Drosselbrut auch von Hallsteins Bossen favorisiert – sei es, weil sie schnelle Ermittlungserfolge sehen wollen oder weil ungleich mächtigere Bosse hinter den Kulissen die Fäden ziehen.

 

Marc Dutroux jedenfalls, der in den Achtzigern schon einmal wegen Entführung und Vergewaltigung in fünf Fällen verurteilt, aber vorzeitig entlassen worden war – der vermeintlich so isolierte Psychopath rühmte sich wohl zu Recht seiner „eisernen Protektion durch die Polizei“. Bis heute gibt es keine bessere Erklärung für den Umstand, dass er am helllichten Tag Mädchen auf offener Straße einfangen und in seinem Keller mitten in der Stadt Charleroi einkerkern konnte und gleichwohl über viele Jahre hinweg nie ernsthaft in Verdacht geriet.

13 Feb 2019 0 Kommentar
Kommentar 0
bildernachweis
blockHeaderEditIcon

Icons made by Icon Works,  Recep Kutuk,  Freepik from www.flaticon.com is licensed by CC 3.0 BY

termine
blockHeaderEditIcon

Termine

Aktuelle Termine hier:

Terminübersicht ...

 

kontakt
blockHeaderEditIcon

Kontakt

Andreas Gößling | Autor
E-Mail: ed.gnilsseog-saerdna@ofni

Kontaktformular

footer-neu
blockHeaderEditIcon
FooterSocials
blockHeaderEditIcon

Benutzername:
User-Login
Ihr E-Mail
Kein Problem. Geben Sie hier Ihre E-Mail-Adresse ein, mit der Sie sich registriert haben.
*