Andreas Gößling


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Dea Mortis

Belletristik

dpa-Meldung von Freitag, dem 13.:
"Gößling setzt wieder finstere Mächte frei".

Dea Mortis. Der Tempel der dunklen Göttin


Andreas Gößling:
Dea mortis. Der Tempel der dunklen Göttin.
Roman. Mit Werken von H.R. Giger
Hardcover, Originalausgabe: Knaur 2005
304 Seiten, € 22,90
ISBN 3-426-66200-0

Pressestimmen:
"Gößling setzt wieder finstere Mächte frei. - Drachen-Mythen, Voodoo-Zauber und die magische Welt untergegangener Kulturen faszinieren den in Coburg lebenden Erfolgsautor Andreas Gößling seit langem. Auch in seinem neuesten Roman «Dea Mortis» spielt er daher wieder gekonnt mit den archaischen Ängsten seiner vor Schreck gebannten Leser, die er tief in das eigene wie das kollektive Unterbewusste führt.Sein Held Rick gelangt in eine dunkle Stadt, in der es keine Frauen mehr gibt und keinen Frieden unter den Männern, denn tief unter dem Ort liegt ein Tempel aus Stahl und Fleisch, in dem eine gnadenlose Göttin hungrig auf die Opfergaben wartet. Angesichts der alptraumhaften Themen seiner Romane überrascht es, dass Gößling einst wissenschaftlich über Thomas Bernhard und Robert Walser gearbeitet hat."
dpa-Meldung von Freitag, dem 13. Januar 2006

„Ein prachtvoll aufgemachter Band ... Gigers morbide, biomechanische Gestalten, seine kalten, blasphemische Erotik ausstrahlenden Frauen passen gut zu Gößlings Geschichte ... Die Anspielungen auf H.P. Lovecraft sind unübersehbar, Gößling ist immer wieder kurz davor, in ‚erklärten Horror' abzustürzen, in bloße Psychologismen und Traumata. ... Er bleibt aber immer ‚kurz davor', stürzt nicht ab in solche Klischees, sondern besticht durch starke Bilder, morbide, bizarre, eklige, grausame Bilder. Vor allem aber gelingt ihm das Schwierigste: über eine vergleichsweise lange Strecke von 300 Seiten eine irreale Atmosphäre aufrechtzuerhalten und sogar noch zu steigern. So was kann man natürlich nur nachts lesen.“
Helmut Petzold, „Diwan“ Büchermagazin, Bayern2 Radio, 17.12.2005

Autorkommentar:
In horrible Geschehnisse verstrickt werden wir durch die Mächte des Unbewußten, die sich als Gullymonster, Außerirdische oder wandelnde Leichen bloß maskieren: Diese Grundbedingung dunkler Phantastik wird in literarischen Horrorstorys spätestens seit E.A. Poe stets mitreflektiert. Äußere Ereignisse können die Erfahrung des Entsetzlichen auslösen oder verstärken, aber die Gespenster sind letztlich immer den inneren Grabkammern oder Sickergruben dessen entkrochen, der sich vor ihnen graust. Wird indessen dieser tiefenpsychologische Zusammenhang zerschnitten, die Projektionsquelle quasi ausgeblendet, so entsteht "Horror" im Sinn des trivialen Genres: Geschichten von Greueln, die scheinbar aus heiterem Himmel über arglose Helden verhängt werden.
In "Dea Mortis" erzähle ich parallel vom wachsenden Grauen des Protagonisten und den dunklen Quellen, aus denen seine Schreckensgeister entsteigen. Die Reaktionen von Kritikern und Lesern lassen sich leicht und sinnfällig danach unterscheiden, ob diesen die Spielregeln "literarischen Horrors" eingängig sind oder eben nicht: Begeistert zeigen sich jene Leser, die imstande sind, mehrfach codierte Texte zu lesen. Allzu hoch sind die Lesehürden in "Dea Mortis" sicher nicht, doch mancher Freund schlichten Thrills rieb sich nach versuchter Lektüre die Knie oder sogar das Stirnbein - je nach geistiger Sprungkraft.


Dea Mortis
Dea Mortis
Hardcover, Knaur, neuwertig, durchg. vierfarbig, Bilder von H.R. Giger, auf Wunsch mit Widmung/Autogramm
8.50 €
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Leseprobe:
Seltsamerweise sah er plötzlich Joey vor sich, ja, ganz bestimmt, es war Joey, sein bester Freund aus der Lower Street. Was Mädchen und Frauen betraf, war Joey genauso schüchtern gewesen wie er selbst, sie beide hatten keine Mütter mehr, Joeys Mutter war kurz nach seiner Geburt gestorben. In der Schule saßen sie immer in derselben Bank, auch im Religionsunterricht, den sie von der sagenhaften Miss Downing erhielten. Wie sonderbar, dachte Rick, er sah alles wieder ganz genau vor sich, so als ob er es noch einmal erleben würde, noch einmal elf Jahre alt wäre, als ob Joey noch am Leben wäre. Aber gleichzeitig war es, als ob er einen Film ablaufen sähe, als ob er im Security Center säße und auf allen Monitoren wären nur er selbst und Joey zu sehen, als Jungs von elf und zwölf Jahren. Und natürlich die großartige, schreckliche Miss Downing.
Emma Downing war eine junge Frau von Mitte Zwanzig, und Rick und Joey beobachteten sie bei jeder Gelegenheit. Sie hatte fuchsrote Haare, katzengrüne Augen und eine fast durchsichtige Haut, die mit Milliarden Sommersprossen übersät war. Vor allem aber hatte Emma Downing den gewaltigsten Busen, den Rick und Joey jemals gesehen hatten, oder vielmehr, den sie eben leider noch nie in seiner ganzen Schönheit und Fülle erblickt hatten. Miss Downing bevorzugte zwar Blusen mit großzügigem Dekolleté, doch der größte Teil ihres geheimnisvollen Innenlebens blieb Rick und Joey trotzdem verborgen. Was ihre Phantasie aber heißer als alles andere entflammte, war ein eigenartiger Schmuck aus Schlangenleder, den Miss Downing jederzeit um den Hals trug.
Eigentlich war das Ding zu dick, um einfach eine Lederschnur zu sein, eher schon ähnelte es einer vollständigen kleinen Schlange. Der Schlangenleib wand sich um Emma Downings zarten Hals, ringelte sich in ihrem Ausschnitt über dem zartweißen Busen hinab und verschwand in der unbeschreiblich geheimnisvollen Furche zwischen ihren Brüsten. Wie weit der Schlangenschmuck unter Miss Downings Bluse noch hinabreichte und was sich an seinem unteren Ende befinden mochte, darüber konnte vor allem Joey in leidenschaftlichen und verrückten Monologen endlos phantasieren. Von einem goldenen Jesuskreuz bis zu irgendwelchen mysteriösen Klammern, die dazu dienten, Miss Downings Busen in der Schwebe zu halten, hielten Rick und Joey mancherlei für möglich, und ihre Überzeugungen wechselten oft noch schneller als die Farbe von Miss Downings Dekolleté. Denn Emma konnte vom Busen bis zum Hals höchst eindrucksvoll erröten, während ihr Gesicht blass und scheinbar unbeteiligt blieb.

Und dann geschah das Ungeheuerliche. Joey hatte sich irgendeines kleinen Vergehens schuldig gemacht und musste zum Nachsitzen in der Schule bleiben, und zwar unter der Aufsicht von Miss Emma Downing. Er saß an einem Pult, ihm gegenüber die Lehrerin, die wie immer großherzig dekolletiert war und ihre kleine Schlange um den Hals trug. Die Enden des Schlangenschmucks verschwanden in der Spalte zwischen ihren Brüsten, und Joey starrte unentwegt dorthin. Ab und an blickte Miss Downing von ihrer Lektüre auf und lächelte ihn an, jedenfalls behauptete Joey das nachher gegenüber Rick: „Sie hat immerzu gelächelt, ihre Unterarme hatte sie auf dem Pult übereinander gelegt und ihren Busen darauf andauernd zurechtgerückt, es war einfach unglaublich.“ Und als sie ihm einmal mehr ihre Brüste mit den darunter liegenden Armen scheinbar entgegenhob, machte Joey einfach das, wovon er hundertmal geträumt und worüber er tausendmal mit Rick geredet hatte. Seine rechte Hand hob sich wie von selbst, schnappte sich die Schlangenschnur und zog dran – erst sachte, dann fester, als sie wider Erwarten nicht gleich nachgab, nicht sofort aus der Spalte hervorgeschnellt kam und endlich preisgab, was an ihrem unteren Ende hing.
Miss Downing sah Joey bei dieser Prozedur nur entgeistert an, aus großen Augen, mit einem Erschrecken, in das sich Schmerz zu mischen schien, dann aber auch ein heißes, hastiges Lächeln, als mit einem jähen Flutschen das geheimnisvolle Ding aus ihrem Ausschnitt hervorschoss. Emma Downing schrie leise auf, ihr Mund formte ein vollkommenes O, und vor ihrem Busen baumelte ein länglicher Schlangenkopf an der Lederschnur, schimmernd feucht und sogar ein wenig blutig.
Joey war furchtbar erschrocken – über das ploppende Geräusch, den hervorschnellenden Schlangenkopf, Miss Downings Schrei, am meisten jedoch über das Blut. Und wie sehr erschrak er erst, als ihm die Lehrerin den Schlangenkopf in der Schale ihrer Hand hinhielt. „Du musst ihn küssen, Joey, sonst ...“ Was sonst mit ihm passieren würde, wollte Joey lieber nicht wissen, er beugte sich vor und drückte gehorsam seine Lippen auf die Stirn der Schlange. „Kalt, glibberig, einzigartig ekelhaft“, mit solchen und ähnlichen Attributen beschrieb Joey später, wie sich die Schlange an seinem Mund angefühlt hatte. Die Schlange, der Schrecken, das Blut. Joey war sehr stolz auf sein Erlebnis gewesen, und auch für Rick war klar gewesen, dass von ihnen beiden fortan Joey der weitaus Erfahrenere war, was Mädchen, Frauen, die Geheimnisse der Weiblichkeit betraf.
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