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Ein Panikraum aus Büchern

Lieben Sie Ambivalenzen? Auf Identität mit sich selbst eingeschworen, sind allzu viele schon zu Lebzeiten totenstarr. Ein Panikraum ist ein Raum, in dem Sie Schutz suchen, aber dass Sie ihn hier auch finden, ist damit keineswegs gesagt. Vielleicht brechen Sie überhaupt erst im Panikraum in Panik aus, während der Angreifer daran scheitert, in Ihren Schutzraum einzubrechen. Wer weiß das schon im Voraus? Probieren Sie es einfach mal aus. Hier finden Sie Hinweise und Hintergrundinformationen zu meinen Romanen, Sachbüchern und wissenschaftlichen Werken. Keine Panik, bitte. Schauen Sie sich in Ruhe um.

In meinem True-Crime-Thriller Wolfswut erzähle ich unter anderem von den Lebensbedingungen „illegal aufhältiger“ Frauen aus Südostasien oder Osteuropa, die sich in Berlin als Straßenprostituierte durchschlagen. Ohne zu ahnen, dass ich diese Eindrücke aus Vorhöllen an Stadtrandstraßen oder in abrissreifen Fabrikruinen einmal in einem Roman aufgreifen würde, habe ich die entsprechenden „Milljöhs“ schon vor Jahren mit einer aussichtslosen Mission durchstreift.

Vor rund einem Jahrzehnt lernte ich in Bangkok einen thailändischen Ex-Polizisten kennen. Nachdem er mir seinen Namen genannt hatte, der aus etwa 25 Silben bestand, bot er mir zu meiner Erleichterung an, ihn einfach Mik zu nennen. Er sprach ein passables Englisch und hatte viele Jahre lang in der thailändischen Hauptstadt als Polizist gearbeitet. Ich heuerte ihn als Private Guide an und bat ihn, mir die Abgründe hinter den Neon- und Glamourkulissen des nächtlichen Bangkok zu zeigen.

Mik war einverstanden, und in den folgenden Tagen führte er mich an Orte, die nicht nur Touristen, sondern auch der glücklichere Teil der Einheimischen nie zu sehen bekommen. Die Besucher einschlägiger Bars und Bordelle an Sukhumvit Road oder Nana Plaza mögen sich wie verruchte Lebemänner vorkommen, aber das alles ist nur die Schauseite der Prostitutionsszene in Bangkok. Mik brachte mich zu einem Uferstrich am Chao Phraya, wo Mädchen und Frauen aus Burma oder Laos in morschen Holzverschlägen und modrigen Hausbooten auf Freier warteten. Und er zeigte mir Absteigen in unfassbar verdreckten Slums, in denen Mädchen und Jungen gegen eine Handvoll Dollar für „Dienstleistungen aller Art“ angeboten würden.

Nach unserer dreitägigen Tour war ich Mik dankbar für die Einblicke, die er mir ermöglicht hatte. Einblicke nicht nur in soziale Missstände, das natürlich auch, aber vor allem in die so sehr missbrauchsgeneigte menschliche Natur. „Die Tour ist noch nicht ganz zu Ende“, sagte Mik. „Heute Abend treffen wir noch ein Ehepaar aus dem Isan. Natürlich nur, wenn du willst. Sie haben ihre Tochter verloren. Ihre Geschichte ist schrecklich und aufschlussreich.“

Wir trafen das Ehepaar in einem ruhigen Restaurant in Thonburi. Die beiden waren in ihren Vierzigern, aber anders als die meisten Asiaten sahen sie deutlich älter aus, als es ihren Lebensjahren entsprochen hätte. Sie wirkten gebrochen. Da sie kein Englisch und nicht einmal Thailändisch sprachen, gestaltete sich unser Gespräch mühsam. Sie beherrschten nur die Sprache ihrer Heimatprovinz Isan, gelegen im Nordosten des Landes, und Mik war kein großer Kenner dieses Dialekts. So dauerte es Stunden, bis sie mir die Geschichte ihrer Tochter erzählt hatten. In den Bars und Bordellen von Bangkok, in denen sie drei Jahre lang arbeitete, wurde sie allgemein Lucky genannt.

Sie war ein wunderschönes Mädchen, versicherten mir die Eltern. Ich glaubte es ihnen gern, der Isan ist für die Schönheit seiner Einwohner berühmt. Da es sich um die ärmste Provinz Thailands handelt, gehen jedes Jahr Tausende junger Isan-Frauen nach Bangkok und Pattaya, um in der Rotlichtszene zu arbeiten. In Bars, Clubs, Massagesalons und Bordellen.

In einem dieser Etablissements lernte Lucky einen deutschen Mann kennen. Berthold aus Berlin, Nachname unbekannt. Zu diesem Zeitpunkt war sie neunzehn, Berthold etwa Ende vierzig. Er behauptete, Lucky zu lieben, und versprach, sie zu heiraten, wenn sie mit ihm nach Deutschland kommen würde. Er besitze ein Haus in Berlin und habe so viel Geld auf dem Konto, dass sich Lucky als seine Ehefrau keine Sorge mehr machen bräuchte.

Lucky war nicht naiv, sagten ihre Eltern. Sie wusste, dass Männer nicht immer halten, was sie Frauen versprechen. Aber sie fand Berthold sympathisch und dachte, es wäre einen Versuch wert. Wenn er sein Versprechen hielt, war es für sie wie der Hauptgewinn im Lotto. Wenn nicht, dachte sie, würde sie eben nach Thailand zurückkehren.

In Berlin stellte sich dann schnell heraus, dass Berthold sie angelogen hatte. Er nahm ihr den Pass ab und zwang sie, sich in einem vermeintlichen Massagesalon zu prostituieren. Sie fing an, Amphetamine zu schlucken, wie fast alle Mädchen in der Szene, und wurde süchtig. Berthold schlug sie und hielt sie wie eine Gefangene, bis Lucky untertauchte. Von da an arbeitete sie als Illegale auf dem Straßenstrich. Die letzte Nachricht, die die Eltern von ihr hatten, war zu diesem Zeitpunkt schon mehr als ein Jahr alt. Sie schrieb, dass es ihr gut gehe und ihre Eltern nicht nach ihr suchen sollten, vor allem nicht mit Hilfe der Polizei, sonst werde sie eingesperrt oder ausgewiesen. „Bitte halten Sie nach unserer Tochter Ausschau, wenn Sie wieder in Deutschland sind“, flehte die Mutter mich an.

Ich wandte ein, dass ich kein Detektiv sei und keine Möglichkeiten hätte, eine im Untergrund lebende Straßenprostituierte in Berlin aufzuspüren. Damals wohnte ich noch nicht mal in Berlin, sondern fast am anderen Ende Deutschlands. Aber die Eltern wiederholten einfach immer wieder ihre Bitte. „Aber keine Polizei!“ Sie drückten mir ein reichlich unscharfes Foto von Lucky in die Hand und versicherten mir, dass sie jeden Tag für mich im Tempel beten würden.

Irgendwann hatten sie mich soweit, dass ich versprach, mich umzusehen. Mehr nicht. Aber kaum war ich zurück in Deutschland und das nächste Mal wieder in Berlin, fing ich an, nach „Lucky“ zu suchen. Ich nahm Verbindung mit Streetworkern auf, die sich in der Hauptstadt um Straßenprostituierte, Straßenkinder, illegal Aufhältige aus allen Himmelsrichtungen kümmern. Wegen diverser Buchprojekte kam ich damals sowieso öfter nach Berlin. Bei jeder dieser Gelegenheiten klapperte ich mit einem der Streetworker, denen ich von Lucky erzählt hatte, einige dieser Vorhöllen ab, von denen es in Berlin und im Brandenburger Umland erstaunlich viele gibt. Straßenstriche an Waldrändern, ehemalige Fabrikhallen am Stadtrand, in denen das Wasser von der Decke tropft und Rattenkadaver keinerlei Aufmerksamkeit erregen.

Ich suchte, mit immer neuen Anläufen, insgesamt drei Jahre. Fast erwartungsgemäß fand ich nie eine Spur von Lucky, aber die Suche hat mir tiefe Einblicke ermöglicht. In Berliner „Milljöhs“, die weder arm noch sexy sind, sondern einfach nur reale Albträume voller Dreck, Angst, Schmerz, Missbrauch, Sucht, Tod. Einblicke in die offenbar unbegrenzte menschliche Fähigkeit, die Redensart von der „Hölle auf Erden“ mit Leben zu erfüllen.

Hereinspaziert, meine Damen und Herren. Willkommen in der Welt von Wolfswut, willkommen im heutigen Berlin.

  

03 Dez 2017 0 Kommentar
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